Eine vergleichende Geschichte der Evakuierungen im deutsch-französischen Grenzgebiet während des Zweiten Weltkrieges

Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Rainer Hudemann, Prof. Olivier Forcade (Paris Sorbonne Université) und Juniorprof. Fabian Lemmes (Ruhr-Universität Bochum), in Zusammenarbeit mit Johannes Großmann und Nicholas Williams.

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Agence Nationale de la Recherche.

Der deutsche Angriff auf Polen löste Anfang September 1939 mit der gleichzeitigen Evakuierung der Gebiete beiderseits der deutsch-französischen Grenze umfangreiche Bevölkerungsbewegungen aus. Mehr als 600 000 Elsässer und Lothringer mussten ihre Städte und Dörfer verlassen und kamen in den Südwesten Frankreichs. Auch auf deutscher Seite wurden über 600 000 Menschen aus dem Saarland, der Pfalz und Baden nach Hessen, Thüringen, Sachsen und Franken evakuiert. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs hatten Militär und staatliche Behörden in Frankreich und Deutschland die Maßnahmen seit den 1920er Jahren vorbereitet. Die Evakuierungen dienten dem Schutz der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Ressourcen und sollten den Armeen zugleich Bewegungsfreiheit im Operationsgebiet verschaffen. Nach dem deutschen Sieg über Frankreich im Juni 1940 kehrte die große Mehrheit der Evakuierten sukzessive zurück; für die Lothringer und Elsässer bedeutete dies die Rückkehr auf de facto vom Reich annektiertes Territorium.

Evakuierungen sind als spezifische Form kriegsbedingter Zwangsmigrationen bisher kaum systematisch erforscht worden. Für den deutsch-französischen Grenzraum untersucht das Projekt in vergleichender und transnationaler Perspektive die unterschiedlichen Aspekte, räumlichen Implikationen und Phasen des Phänomens: von den Räumungsplanungen über die praktische Umsetzung, Ankunft und Aufenthalt in den Aufnahmegebieten, die Rückkehr in die teilweise zerstörten und geplünderten Heimatregionen bis zur Erinnerung an die Evakuierungen nach 1945. So können die Evakuierungsabläufe rekonstruiert und ihre sozialen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf regionaler und nationaler Ebene analysiert werden. Dies erlaubt auf komparativer Ebene Rückschlüsse auf die Funktionsweisen zweier politischer Systeme – der nationalsozialistischen Diktatur und der demokratischen Dritten Republik – im Kontext des Krieges. Gefragt wird nach Mechanismen staatlicher Lenkung, nach Reichweite und Grenzen gesellschaftlicher Mobilisierung und Handlungsspielräumen einzelner Akteure, aber auch nach dem Verhältnis von (Grenz-) Region und Nation. Darüber hinaus soll die erfahrungs- und erinnerungsgeschichtliche Dimension durch eine Kombination schriftlicher Quellen mit Interviews fassbar gemacht werden.

Die im Rahmen des Projekts entstehenden Einzelstudien ordnen sich in drei Forschungsachsen ein: Konzepte und politische Systeme (I), Wirtschaft und Gesellschaft (II) sowie Grenzregionen und Identitäten (III). Die Einzelstudien sind komplementär angelegt, das Arbeitsprogramm ist auf Synergien zwischen den Forschern und Forscherinnen ausgerichtet.

Das Projekt vereint seit 2012 deutsche und französische Forscher und Forscherinnen der Ruhr-Universität Bochum, der Universität des Saarlandes/Saarbrücken, der Eberhard Karls Universität Tübingen und der Université Paris-Sorbonne. Es wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Agence nationale de la recherche (ANR) gefördert. In seinem Rahmen finden regelmäßige Arbeitstreffen und binationale Workshops statt. Eine Abschlusstagung ist für Ende 2015 geplant.

 

PROJEKTLEITER:


Prof. Olivier Forcade (Université Paris-Sorbonne)
Prof. Rainer Hudemann (Université Paris-Sorbonne / Universität des Saarlandes)
Jun.-Prof. Fabian Lemmes (Ruhr-Universität Bochum)
Jun.-Prof. Johannes Großmann (Eberhard Karls Universität Tübingen)

 

BETEILIGTE FORSCHERINNEN UND FORSCHER:


Simon Catros (Université Paris-Sorbonne)
Dr. Mathieu Dubois (Université Paris-Sorbonne)
Maude Fagot (Universität des Saarlandes / Université Paris-Sorbonne)
Dr. Diane Grillère-Lacroix (Université Paris-Sorbonne)
Daniel Hadwiger (Eberhard Karls Universität Tübingen)
Eva Kübler (Universität des Saarlandes)
Dr. André Savoye (Université Paris-Sorbonne)
Pawel Sekowski (Université Paris-Sorbonne / Uniwersytet Jagiellonski, Krakau)
Luise Stein (Ruhr-Universität Bochum)
Nicholas Williams (Universität des Saarlandes / Université Paris-Sorbonne)

 

WISSENSCHAFTLICHER BEIRAT:


Prof. Dominique Barjot (Université Paris-Sorbonne)
Prof. Marcel Boldorf (Université Louis-Lumière Lyon 2)
Prof. François Cochet (Université de Lorraine)
Prof. Philippe Nivet (Université Jules Verne de Picardie)
Prof. Sönke Neitzel (London School of Economics and Political Science)
Prof. François Roth (Université de Lorraine)
Prof. Julia Torrie (St. Thomas University, Canada)

VERÖFFENTLICHUNGEN

 

BUCHPUBLIKATION

Lemmes, Fabian; Großmann, Johannes; Williams, Nicholas; Forcade, Olivier; Hudemann, Rainer (Hg.): Evakuierungen im Europa der Weltkriege – Les évacuations dans l’Europe des guerres mondiales – Evacuations in World War Europe, Berlin 2014.

„Wie gingen die europäische Staaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg mit ihrer Zivilbevölkerung um ? Der vorliegende Band stellt den ersten Versuch dar, Evakuierungen al seine eigenständige Form der Bevölkerungsbewegung während der Weltkriege zu konzeptualisieren und anhand aussagekräftiger Beispiele zu beschreiben.“

 

AUFSÄTZE

Boldorf, Marcel: Die Bewältigung der wirtschaftlichen Krise infolge der Evakuierung Lothringens (1939/40), in: Lemmes, Fabian; Großmann, Johannes; Williams, Nicholas; Forcade, Olivier; Hudemann, Rainer (Hg.): Evakuierungen im Europa der Weltkriege – Les évacuations dans l’Europe des guerres mondiales – Evacuations in World War Europe, Berlin 2014, S. 221-235.

Fagot, Maude: La guerre des ondes en France et en Allemagne pendant la drôle de guerre, in: Revue historique n°671 (2014), S. 629-654.

Fagot, Maude: La communauté catholique d’Alsace-Lorraine face aux évacuations (septembre 1939 – septembre 1940), in : Annales de l’Est (2015, im Erscheinen)

Forcade, Olivier; Hudemann, Rainer: Perspectives franco-allemandes et européennes », in: Lemmes, Fabian; Großmann, Johannes; Williams, Nicholas; Forcade, Olivier; Hudemann, Rainer (Hg.): Evakuierungen im Europa der Weltkriege – Les évacuations dans l’Europe des guerres mondiales – Evacuations in World War Europe, Berlin 2014, S. 266-274.

Großmann, Johannes; Lemmes, Fabian; Williams, Nicholas: Les évacuations dans l’espace frontalier franco-allemand pendant la Seconde Guerre mondiale : vers une histoire comparée, in: Roth, François (Hg.): La Lorraine et les pays de la rive gauche du Rhin (Sarre, Palatinat, pays de Trèves) du XVIIIe siècle à nos jours, Moyenmoutier 2011, S. 125-139.

Großmann, Johannes; Lemmes, Fabian: Evakuierungen im Zeitalter der Weltkriege. Stand der Forschung, Konzepte und Perspektiven, in: Lemmes, Fabian; Großmann, Johannes; Williams, Nicholas; Forcade, Olivier; Hudemann, Rainer (Hg.): Evakuierungen im Europa der Weltkriege – Les évacuations dans l’Europe des guerres mondiales – Evacuations in World War Europe, Berlin 2014, S. 11-34.

Roth, François: Les mouvements de population en Lorraine/Moselle dans la première moitié du vingtième siècle, in: Lemmes, Fabian; Großmann, Johannes; Williams, Nicholas; Forcade, Olivier; Hudemann, Rainer (Hg.): Evakuierungen im Europa der Weltkriege – Les évacuations dans l’Europe des guerres mondiales – Evacuations in World War Europe, Berlin 2014, S. 37-55.

Sekowski, Pawel: Les Polonais d’Alsace et de Lorraine à travers la Seconde Guerre mondiale. Évacuations, retours et refuge, in: Lemmes, Fabian; Großmann, Johannes; Williams, Nicholas; Forcade, Olivier; Hudemann, Rainer (Hg.): Evakuierungen im Europa der Weltkriege – Les évacuations dans l’Europe des guerres mondiales – Evacuations in World War Europe, Berlin 2014, S. 189-205.
Stein, Luise: Kredite für den Wiederaufbau. Die Reichswirtschaftshilfe in der Saarpfalz, in Lothringen und im Elsass (1940-1942), in: Jahrbuch für Wirtschafsgeschichte (2015, im Erscheinen).

Torrie, Julia: Transnational History and Civilian Evacuations. Broadening the Approach, in: Lemmes, Fabian; Großmann, Johannes; Williams, Nicholas; Forcade, Olivier; Hudemann, Rainer (Hg.): Evakuierungen im Europa der Weltkriege – Les évacuations dans l’Europe des guerres mondiales – Evacuations in World War Europe, Berlin 2014, S. 250-265.
Williams, Nicholas: Grenzen der „Volksgemeinschaft”. Die Evakuierung 1939/40 in Deutschland und Frankreich, in: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend n° 60 (2012), S. 113-126.

Williams, Nicholas: Von „Saarfranzosen“ und „Zigeunervolk“. Saarbrücker Evakuierte als „Opfer“ ?, in: Herrmann, Hans-Christian; Bauer, Ruth (Hg.): Widerstand, Repression und Verfolgung. Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus an der Saar, St. Ingbert 2014, S. 279-312.

Williams, Nicholas: The Saarland and Lorraine in 1939. A Tale of Two Evacuations, in: Lemmes, Fabian; Großmann, Johannes; Williams, Nicholas; Forcade, Olivier; Hudemann, Rainer (Hg.): Evakuierungen im Europa der Weltkriege – Les évacuations dans l’Europe des guerres mondiales – Evacuations in World War Europe, Berlin 2014, S. 236-249.

Williams, Nicholas: Les évacuations de 1939 en Moselle et en Sarre. Cadres et plans stratégiques pour la prise en charge des populations civiles, in: Vingtième Siècle (2015, im Erscheinen).

Projekt-Mitarbeiter:

Matthieu Dubois, Doktor der Université Paris IV La Sorbonne und der Universität Augsburg, Agrégé d’histoire – zur Zeit wissenschaftlicher Mitarbeiter (PRAG) an der Université Paris-Sorbonne. Dissertation (2012) zum Thema „Politische Generation : Politisierung, Mobilisierung und Beteiligung in den Jugendorganisationen der politischen Parteien in Frankreich und in der Bundesrepublik Deutschland (1966-1974).“

Dieses vergleichende Forschungsvorhaben zielt darauf, die Finanzierung der Evakuierungen in den zwei Staaten anhand der Archive der Finanzministerien der beiden Länder zu beleuchten. Vorerst werden die Kosten der verschiedenen Bereiche der Operationen in den Fokus genommen, um einen klaren Überblick über ihre jeweilige Bedeutung über die Gesamtlasten der Evakuierung auf die staatlichen Finanzen zu verschaffen. Die Quantifizierung dieser Lasten wird auf die Frage nach den Finanzierungsmitteln von zwei Ländern im Kriegszustand führen. Die Analyse der Finanzierung wird auch die Verantwortlichkeiten und Vorrechte der verschiedenen Akteure auf National- sowie Lokalebene (Heer, Ministerien, Lokalbehörden, NSDAP) in der Durchführung der unterschiedlichen Phasen der Evakuierung (Transport, Betreuung der Zivilbevölkerung, Sozialhilfen, wirtschaftliche Evakuierung, Wiederbesiedlung, Wiedergutmachung) ans Licht bringen. Die schrittweise Finanzierung dieser Phasen bildet auch eine wertvolle Quelle, um die Chronologie der Operation, ihren Planungsgrad und ihre Haushaltauswirkung während sowie nach der Evakuierung klarzustellen. Die vergleichende Dimension dieses Projekts ermöglicht schließlich, die politische Logik der Evakuierung herauszustellen, indem sie die von den beiden Staaten jeweils eingeräumten Prioritäten bei der Operation und seinen unterschiedlichen Phasen deutlich macht.


Maude Fagot, „Kommunikation und Informationsflüsse in Kriegsgesellschaften am Beispiel der Evakuierungen der deutsch-französischen Grenzregion 1939/1940“ Dissertationsvorhaben in Co-tutelle zwischen der Universität Tübingen und der Université Paris-Sorbonne unter die Leitung vom Prof. Johannes Großmann und Prof. Olivier Forcade.

Dieser Arbeit widmet sich einer vergleichenden Analyse des medialen Umgangs Frankreichs und Deutschlands mit den Evakuierungen von September 1939 bis September 1940. Anhand drei zentraler Fragestellungen wird das deutsche Fallbeispiel dem französischen gegenübergestellt.
Zuerst wird der offizielle Diskurs über die Evakuierungen und seine mediale Bedeutung in den beiden Ländern analysiert. Parallel zu der Studie des Evakuierungsdiskurses wird der Funktionsmechanismus der beiden für die Information/Propaganda verantwortlichen Institutionen untersucht, indem der Entstehungsprozess von der Informationsquelle bis zu ihrer Veröffentlichung geschildert wird. Aus dieser Untersuchung soll festgestellt werden, inwiefern die Nachrichten unter der Natur des Regimes und dem ideologischen Einfluss stehen. Ein zweiter Aspekt der Studie zielt auf die staatliche Informationspolitik gegenüber den Evakuierten (Zeitungen für Evakuierte, Informationskampagne etc.) sowohl in Deutschland als auch in Frankreich ab. Zuletzt wird die Instrumentalisierung des Evakuierungsthemas als Kriegspropaganda behandelt - insbesondere in Bezug auf die Rückkehr der aus Elsass-Lothringen evakuierten Bevölkerung und den damit verbundenen „Gemanisierungsversuch“ durch die Nationalsozialisten.

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Eva Kübler, „Die Erinnerung an die Evakuierungen des deutsch-französischen Grenzraums während des Zweiten Weltkriegs“, Dissertationsvorhaben an der Universität des Saarlandes unter die Leitung von Rainer Hudemann.

Das Dissertationsprojekt untersucht u.a. anhand von Memoiren, Erlebnisberichten, Ortschroniken und lokalen Geschichtsdarstellungen die Entwicklung der Erinnerung an die Evakuierungserfahrung in Deutschland und Frankreich in einer Längsschnittanalyse von 1939 bis heute. Zentral ist dabei die Frage nach den dominierenden Erinnerungsausprägungen und –narrativen. Bis in die 1950er Jahre wurde die Erfahrung „Evakuierung“ in Deutschland vor allem vor dem Hintergrund materieller Wiedergutmachung verhandelt. Erst vierzig Jahre nach dem Ereignis selbst setzte ein gesteigertes Interesse der Öffentlichkeit an dem Thema ein, welches die persönlichen Erfahrungen der Betroffenen in den Mittelpunkt rückte und ihm damit einen Platz in der kollektiven regionalen Erinnerung sicherte. In Frankreich ist die Erinnerung an die Evakuierung von einem stärkeren Bewusstsein, einem höheren Grad an Institutionalisierung und einer engen Verquickung mit Narrativen der Résistance geprägt. Des Weiteren gilt es aber nicht nur einen Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich anzustellen, sondern auch interregionale Unterschiede zu berücksichtigen und die Erinnerungsakteure zu identifizieren.

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Pawel Sekowski, „Polen in Frankreich in der unmittelbaren Nachkriegszeit (1944–1949)“, Dissertationsvorhaben in Cotutelle an der Universität Jagellonne in Krakow und der Université Paris-Sorbonne.

Pawel Sekowskis Studie zielt auf einen Vergleich der administrativen Praktiken und der tatsächlichen Durchführungen der Evakuierung zwischen dem deutsch-französischen und dem deutsch-polnischen Grenzraum ab. Die Analyse der Gemeinsamkeiten und Eigenarten der beiden Fälle wird eine Typologie der Bevölkerungsbewegungen bzw. der Evakuierungen in Europa während des Zweiten Weltkriegs ermöglichen. Es handelt sich um die Frage, ob eine universelle Definition des Begriffs „Evakuierung“ möglich ist. Was sind die Unterschiede zwischen den am Anfang und den am Ende des Kriegs durchgeführten Evakuierungen? Diese Untersuchung wird also die Eigenartigkeit oder die Beispielhaftigkeit der Evakuierungen des deutsch-französischen Grenzraums beleuchten.
Das zweite Feld der Studie betrifft die internationale Dimension der Evakuierungen, insbesondere die Rolle der internationalen Organisationen. Die auf die Betreuung der Evakuierten fokussierte Analyse wird - durch einen chronologischen und geographischen Vergleich - die Wirkung der in den Jahren 1939-1940 geführten Evakuierungen auf die späteren Zwangsmigrationen in Europa aufzeigen.

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Luise Stein, „Wege von Unternehmen, Arbeitern und Arbeiterinnen durch die Evakuierung des deutsch-französischen Grenzraums, 1939/1940“, Disserationsvorhaben an der Ruhr-Universität Bochum unter der Leitung vom Prof. Fabian Lemmes

In diesem Teilprojekt wird die wirtschaftliche Evakuierung in Frankreich und im Deutschen Reich im September 1939 bearbeitet. Von ihr waren zahlreiche kriegswichtige Betriebe auf beiden Seiten der Grenze betroffen, sie stellte sowohl die betroffenen Unternehmen und ihr Personal als auch das Militär, die örtliche Verwaltung und im deutschen Fall die NSDAP-Gliederungen vor eine Vielzahl an Herausforderungen. Es wird im deutsch-französischen Vergleich untersucht, welche Handlungsspielräume sich grenznahen Unternehmen, Arbeiter und Arbeiterinnen in der Ausnahmesituation der Evakuierung eröffneten. Wie interagierten sie mit den anderen Akteuren und wie positionierten sie sich ihnen gegenüber? Auf unternehmerischer und individueller Ebene sollen die Faktoren, die auf die evakuierten Betriebe und ihr Personal einwirkten, untersucht werden, um so ihre – selbstgewählten oder teilweise erzwungenen – Wege durch die Räumung nachzuvollziehen.


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Nicholas Williams, „Evakuierungen im deutsch-französischen Grenzraum während des Zweiten Weltkriegs unter demokratischen und totalitären Vorzeichen“, Dissertationsvorhaben in Cotutelle an der Universität des Saarlandes und der Université Paris-Sorbonne unter der Leitung von Prof. Rainer Hudemann und Prof. Olivier Forcade.

Die Evakuierung von über 500 000 Personen auf beiden Seiten der deutsch-französischen Grenze 1939 stellte eine vergleichbare Herausforderung auf militärischer, administrativer, politischer und moralischer Ebene dar. Nichtsdestotrotz wurden die beiden Fälle noch nie gemeinsam in einer Studie untersucht. Ziel des vorliegenden Dissertationsvorhabens ist es daher, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Evakuierungen in beiden Ländern hervorzuheben, die in sehr unterschiedlichen Kontexten stattfanden: mehr oder minder offene Demokratie auf französischer Seite, Diktatur mit totalitärem Anspruch auf deutscher. Um eine solche Untersuchung durchführen zu können, sollen die Vorbereitungen in beiden Ländern im militärstrategischen Kontext der 30er Jahre untersucht werden, ebenso wie die Korrespondenz der Verwaltungen hinsichtlich der Flüchtlinge, nachdem die Evakuierungsmaßnahmen im September 1939 umgesetzt wurden. Da das Ziel der Untersuchung auch eine Analyse des Erlebens aufseiten der Evakuierten ist, werden private Tagebücher und Egodokumente ebenso als Grundlage herangezogen.

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Assoziierte :


Simon Catros, The High Command’s view of Spanish Refugees during the Spring 1939 (in Zusammenarbeit mit Nicholas Williams)

To contribute to our research project, I propose to write a paper on the High Command’s view of Spanish refugees arriving by the Pyrenean border during the spring of 1939. Through the study of a report of inspection of these refugees camps, it will capture the perceptions of High Command on the modalities of hosting refugee populations, and on the populations themselves. While this study does not correspond, strictly speaking, with the exact framework of our research project, it nevertheless identifies representations and conditions specific to the French military establishment regarding the management of civilian populations.

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Diane Grillière-Lacroix, professeur agrégée und Doktor in Geschichte zum Thema : « Die italienische Besatzung gegenüber der deutschen Besatzung. Analyse und Herausforderungen der anderen Besatzung in Frankreich 1938-1943 », unter die Leitung vom Prof. Georges-Henri Soutou (Université Paris-Sorbonne). Sie unterrichtet zur Zeit im Lycée Bernard-Palissy in Gien, im Département Loiret (France).

In dieser vergleichenden Arbeit werden die Evakuierungen des französisch-italienischen Grenzraums vom Kriegseintritt Italiens gegen Frankreich bis zur Unterschrift unter den Waffenstillstand zwischen den Alliierten und dem vom Marschall Badoglio vertretenen Italien analysiert.
Diese Studie wird die Evakuierungsplanung und deren Leitung auf Ebene der Entscheidungsträger mit der Wahrnehmung und den Erfahrungen der Evakuierten konfrontieren. Dafür werden Zeitzeugenaussagen, national-, militär- und regionalarchivalische Dokumente (départements in Frankreich und province in Italien) sowie die zeitgenössische Presse analysiert. Während in Italien die Durchführung der Evakuierungen in einem Zeitraum stattfindet, der zeitlich durch Aplenschlacht im Juni 1940 begrenzt ist, verlängern sich die Evakuierungen auf französischer Seite bis zum Waffenstillstands, denn die Evakuierten - insbesondere die aus Menton - waren eher zurückhaltend, zurück in eine Stadt zu ziehen, die von den Italienern besetzt war. Durch die Analyse der Evakuierungsplanungen stellt sich die Frage nach der Übereinstimmung zwischen den Plänen und der tatsächlichen Durchführung: Dies wiederum führt zu einer Überlegung über die während der Unterzeichnung des französisch-italienischen Waffenstillstandes aufrechterhaltenen Evakuierungspläne. Was die evakuierte Bevölkerung betrifft, wird der Fokus auf das département Alpes Maritimes und die angrenzende italienische provincia di Imperia gelegt.

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André Savoye - Doktor an der Université Paris-Sorbonne - forschte für seine im Jahre 2007 abgeschlossene Dissertation über „Den Alltag im Nord und Nord-östliche Stadtrandgebiet Paris während des Ersten Weltkriegs, 1914-1922“.

Im Rahmen des Forschungsprojekts führt André Savoye eine Studie über „Die Organisation und Durchführung der Evakuierung der Elsässer aus dem Oberrhein in das Departement Landes seit dem ersten Tag der Mobilmachung im Jahre 1939“ durch.
Der Schwerpunkt dieser Arbeit wird auf den Erkenntnisse über die Evakuierten und die für die Evakuierung geschaffenen Institutionen und ihren Betrieb gelegt, sowohl in den evakuierten Gebieten als auch in den Aufnahmegebieten. Die dafür verwendeten Quellen stammen aus den französischen Militärarchiven (Service Historique de la Défense) und betreffen die Organisation der Evakuierungen auf der Seite des Kriegsministeriums. Im Nationalarchiv wurde der Bestand F/23 verwendet, der die Verantwortung der zivilen Autoritäten („Présidence du Conseil“ und Präfekturen) wiedergibt. Zuletzt ermöglichen die „Archives départementales“ des Departement Landes - sowohl durch die Korrespondenzen zwischen den Präfekten und den Bürgermeistern, als auch durch die Beschlüsse der Gemeinderäte („conseils municipaux“) - genauere Erkenntnisse über den tatsächlichen Ablauf, in der Form, wie er trotz Hindernissen und gelegentlichen Mängeln an Mitteln durchgesetzt wurde.

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Daniel Hadwiger, Doktorand an der Karl Eberhard Universität Tübingen, „Wohlfahrt und soziale Fürsorge in Westeuropa während des Zweiten Weltkriegs. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt und der französische Secours National im transnationalen Vergleich“

Das Forschungsvorhaben vergleicht die deutsche Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) mit dem französischen Secours National (SN) in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Beide Wohlfahrtsorganisationen waren während des Krieges in ihren Ländern die wichtigsten nicht-staatlichen Wohlfahrtsverbände. Sie agierten zugunsten der Zivilbevölkerung, hatten jedoch zugleich ein Monopol für Spendensammlungen und subventionierten im Auftrag des Staates andere private Wohlfahrtsverbände.
Als Prototypen des zentral gelenkten und ideologisch gefärbten Wohlfahrtsverbandes der Kriegsjahre standen beide Organisationen in unterschiedlichen nationalen Traditionen der Wohlfahrtspflege. Ihre Gründung ging auf die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und die wirtschaftlich-sozialen Krisen der Zwischenkriegszeit zurück. Die Motivationen und Ziele dieser Organisationen waren Ausdruck jener zeittypischen Tendenz zum „Bevölkerungsmanagement“, die den öffentlichen Diskurs und den staatlichen Umgang mit sozialer Ungleichheit und Mobilität von den 1920er Jahren bis weit in die Nachkriegszeit hinein prägte.
Beide Wohlfahrtsverbände wurden im Rahmen der Evakuierungen im deutsch-französischen Grenzraum aktiv. Während die NSV die Bevölkerung während des Transportes wie in den Aufnahmegebieten mit Kleidung und Nahrung versorgte, verpflegte der Secours National die Evakuierten erst in den Aufnahmegebieten, subventionierte Hilfsorganisationen für die Evakuierten oder organisierte Weihnachtsfeiern für die evakuierten Kinder.

Das Projekt vergleicht daher, inwiefern die Herausforderungen für die Fürsorge im Krieg durch die NSV und den SN innerhalb ihres jeweiligen nationalen Kontextes bewältigt wurden. Es fragt darüber hinaus nach der gegenseitigen Wahrnehmung und Beeinflussung der beiden Organisationen und ihrem transnationalen Engagement in den europäischen Nachbarstaaten.


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Jasmin Nicklas – Die Evakuierung von Psychiatrien in Südwest-Deutschland und Elsass-Lothringen während des Zweiten Weltkrieges. Masterarbeit

Das Arbeitsvorhaben setzt sich mit der Evakuierung von Psychiatrien im deutsch-französischen Grenzraum auseinander. Wie auch die Zivilbevölkerung aus der Roten Zone evakuiert wurde, mussten auch die Patienten, Ärzte und Pfleger der sich in diesem Raum befindlichen Psychiatrien ins Landesinnere verbracht werden. Zunächst soll nach der Organisation der Evakuierung von ganzen Psychiatrien gefragt werden. Welche logistischen Vorbereitungen mussten getroffen werden, um die Patienten aus der Nähe der Grenze in Anstalten im Landesinnern zu verlegen; immerhin waren in den Einrichtungen in der Regel um die tausend Menschen untergebracht und mussten versorgt werden. Wie verlief die Organisation vor Ort in den Aufnahmeanstalten? Welche Auswirkungen hatte darüber hinaus der Kriegsausbruch auf die soziale Lage der psychisch Kranken im Allgemeinen und auf die Patienten in der Grenzregion insbesondere? Bestand auf der deutschen Seite eine Verbindung zwischen Evakuierung und den „Euthanasie“-Morden im Rahmen der Aktion T4? Für die französische Seite wäre wichtig zu fragen, inwiefern sich die Situation der Patienten unter dem Vichy-Régimes veränderte, beziehungsweise wie sich die Wiedereröffnung oder die Fortführung von psychiatrischen Kliniken unter deutscher Besatzung in Elsass-Lothringen auf die Lebensbedingungen der Kranken auswirkte. Die Herausforderung des Arbeitsvorhabens besteht vor allem darin, dass in der Literatur die Evakuierung von psychiatrischen Kliniken kaum und wenn, dann nur am Rande, thematisiert wird. Weshalb sich die Arbeit fast ausschließlich auf eigenständig ausgewertetes Quellenmaterial stützt.


Deutschland und Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert
Urbanisierungsprozesse in Europa
Französische Besatzung in Deutschland nach 1945
Die Saarregion im 20. Jahrhundert
Grenzüberschreitende Erinnerung
Evakuierungen im deutsch-französischen Grenzgebiet während des Zweiten Weltkrieges
Behinderten-, Kranken- und Säuglingsmorde in Belarus 1941–1944


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Wissenschaftskooperation

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Deutschland und Frankreich
Urbanisierungsprozesse
Französische Besatzung
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Kontakt:

Martina Saar (Sekretariat)
Gebäude B 3.1, Raum 3.27
Tel. 0049 (0)681-302 2313
Fax 0049 (0)681-302 4793
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